Anders als vorher geplant, haben wir uns als vorletzten Stop in unserer Rundreise Varanasi ausgesucht. Da Zugfahren in Indien sehr lange dauern, teils zu unmöglichen Zeiten ankommen und momentan oft ausgebucht sind, haben wir kurzerhand online einen Flug gebucht.

Varanasi ist die heiligste indische Stadt. Aufgrund ihrer Geschichte und dem direkten Zugang zum heiligen Fluss Ganges ist sie Wallfahrtsort für alle Hindi. Sich einmal im Fluss zu baden, an einer Zeremonie teilzunehmen oder gar hier verbrannt zu werden ist der Wunsch der meisten Hindis.

Wir waren hier nur zwar 24 Stunden, aber diese werde ich nie vergessen.
U.a. auch deshalb weil hier die Gassen noch enger und der Gestank nach Müll und Mist am intensivsten war.

Im folgenden Text geht es um das Thema “öffentliche Leichenverbrennung” in Varanasi. Bitte überlegt euch genau, ob ihr das wirklich lesen wollt. Für mich, ist es eine Form der Verarbeitung das alles in Worte zu fassen.

Als treppenhafter Zugang zum Fluss und gleichzeitig Ort für religiöse Zeremonien gibt es hier sogenannte Gats. An einigen wird sich oder die Wäsche gewaschen, an anderen finden zuätzlich öffentliche Verbrennungen statt. Der Fluss selbst ist eine braune Brühe voll mit Essensresten, Asche, Abwässer aus der Stadt, …

Die Verbrennungen finden nicht nur ab und zu, sondern täglich statt.
Die Toten werden eingewickelt in goldene Tücher durch die Stadt transportiert und dann hierher gebracht. Das ganze findet nicht wie vielleicht anzunehmen in ruhiger andächtiger Atmosphäre statt, sondern es sind sehr viele Leute dran beteiligt und daher viel los.

Für eine Verbrennung müssen vorab beim Holzhändler vor Ort ca. 200 Kg besonders öliges, lang brennendes und extrem teures Holz gekauft werden. Viele Familien sparen darauf ein ganzes Leben.

Kinder, schwangere Frauen und Sadus werden nicht verbrannt sondern, in hundert Meter Abstand vom Ufer, im Fluss bestattet.

Alles ist sehr geschäftsmäßig aufgezogen und lässt mich in Anbetracht des Erlebten am rein religiösen Anliegen zweifeln.

Die Holzträger tragen neues Holz an zu den Holzhändlern, die Priester geben die letzte Ehre, Feuermacher halten das Feuer in schach, Schaulustige und Wartende überall. Überall ist beißender Rauch und im Gebäude daneben warten alte Menschen auf ihren Tod. Allein die Frauen fehlen, diese dürfen auch bei Angehörigen nicht dabei sein. Auf meine Frage “warum ?” kam nur “ist halt so”.

Fotos sind nicht erlaubt, außer man zahlt beim Besitzer des Gaths dafür Geld. Der Junge der uns vieles zeigte und ein wenig erkläre, wollte dafür später ebenso Geld, wie die sterbende alte Dame im “Hospiez” für das Karma was sie uns spendete.

Als wir nach einer Bootstour am nächsten Morgen am Ufer saßen und den “Aufräumarbeiten” zusahen, zeigte sich jedoch erst das wahre Ausmaß.

Wurde die Asche mit Gangeswasser gewässert und die verbrannten Holzreste entfernt, wird die zusammengekehrt und auf einen großen Aschehaufen geschüttet. Dieser soll dann später im Fluss landen – das haben wir aber nicht gesehen.

Zwischendurch suchen Erwachsene noch nach Verwertbaren wie ganzgebliebenen Tüchern und Kinder sammeln mögliche Holzkohlereste ein. Das schlimmste sind aber die vielen Hunde, die nur darauf warten das die Asche erloschen ist und eifrig nach noch essbaren Überresten schnüffeln, die sie leider auch finden und fressen.

Gleichzeitig, keine 20 Meter entfernt, waschen sich in der Zeit mehrere Erwachsene im Fluss, in dem erst eine tote Kuh und dann ein menschlicher Torso vorbei geschwommen sind.

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Posted from here.

3 Antworten zu “Der heilige Ganges und das Geschäft mit dem Tod”

  • Micha sagt

    Ich denke, dass so wie Ihr vor Ort zu erleben, ist noch
    *erheblich* heftiger als das hier zu Hause zu lesen.

    -> So eine Reise rückt die eigenen Ansprüche an das Leben,
    den Blick “auf das eigene Elend und die Sorgen des Alltags”
    vielleicht auf ein gesundes Maß zurück.
    Ich finde es klasse, das ihr euch da hinein begeben habt und
    nicht aus der Club-Hotel-Lounge schreibt wie toll der Pool ist.

    Ich danke Dir lieber Tom für diese interessanten Einblicke!

  • Raul sagt

    Allein das Kopfkino basierend auf Deinem Bericht ist schon heftig. Das muß ja bestialisch gestunken haben. Bei der Hygiene müssen doch da ständig Massen von Seuchen grassieren.

  • Sabrina sagt

    Hallo, ich bin grade in Varanasi.
    Frauen dürfen an der Verbrennung nicht mehr teilnehmen, da schon manch eine Frau ihrem verstorbenen Mann ins Feuer hinterher gesprungen ist.
    Aber alles was du geschrieben hast, stimmt zu 100%.

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